Übersetzen im Wandel der Zeit: das Ende der Branche oder ein ganz neuer Anfang?

Die meisten Übersetzerinnen und Übersetzer reagieren nicht nur positiv auf die Veränderung, die die Digitalisierung mit sich bringt. Gross ist die Befürchtung, dass die maschinelle Übersetzung die Übersetzertätigkeit zu stark verändert oder menschliche Übersetzer irgendwann schlichtweg nicht mehr gebraucht werden. Doch ist dem wirklich so?

Was versteht man unter maschineller Übersetzung?

Maschinelle Übersetzung bedeutet, dass ein Text von einer Maschine beziehungsweise einem Computer aus einer Sprache in eine andere übertragen wird. Aktuell gibt es drei Arten maschineller Übersetzungssysteme: regelbasierte, statistische und neuronale. Während bei regelbasierten Systemen Sprachalgorithmen, Grammatik und Wörterbücher wichtig sind und bei statistischen Systemen grosse Datenmengen analysiert werden, zeichnet sich der neuste und wohl auch spannendste Ansatz, die neuronale maschinelle Übersetzung, dadurch aus, dass die maschinelle Übersetzung über ein grosses Netzwerk verfügt, mit dem sie – gleich wie ein menschliches Gehirn – übersetzen lernt. Als Input erhält die Blackbox eine grosse Menge an zweisprachigen Texten. Diese Daten beziehungsweise Textbausteine werden abgespeichert und stehen später für weitere Übersetzungen zur Verfügung. Gratis-Übersetzungsplattformen wie Google Translate oder DeepL zum Beispiel arbeiten mit diesem Prinzip.

Was taugt die maschinelle Übersetzung und welche Vorteile bringt sie?

Grundsätzlich gilt: Je grösser die Menge an zweisprachigen Texten und je genauer die Thematik des zu übersetzenden Textes mit bereits eingespeisten Übersetzungen übereinstimmt, desto besser wird die maschinelle Übersetzung sein. Über die letzten Jahre konnten bereits deutliche Verbesserungen erzielt werden und die Systeme werden weiterhin intensiv weiterentwickelt.

Heutzutage kann man Texte dank maschineller Übersetzung innert kürzester Zeit von einer Sprache in eine andere übersetzen lassen. Übersetzungen können so immer schneller verfügbar gemacht werden. Zudem bearbeitet die Maschine im Vergleich zum Menschen viel grössere Textvolumina, wodurch die Produktivität entsprechend ansteigt. Durch die Zeitersparnis der maschinellen Übersetzung gegenüber einer menschlichen Übersetzung steigt natürlich auch der Druck auf die Kosten, wodurch die Preise für eine Übersetzung deutlich sinken.

Hat die maschinelle Übersetzung auch Nachteile?

Nicht ganz unberechtigt ist also die Befürchtung einiger Übersetzer, irgendwann von einer herzlosen Maschine ersetzt zu werden. Doch wie so vieles hat auch die maschinelle Übersetzung eine Kehrseite. Um so viele zweisprachige Texte als Übersetzungsbasis zu erhalten, wird der Datenschutz meist komplett vernachlässigt. Texte, die auf irgendwelche Online-Plattformen hochgeladen werden, landen im Netz und können später von jedem beliebigen Menschen auf der Welt eingesehen werden. Im Vergleich zu menschlicher Übersetzungsleistung wurde zudem festgestellt, dass die maschinelle Übersetzung gerade im Hinblick auf kohärente Übersetzungen noch stark hinterherhinkt. Das heisst, die Maschine übersetzt Satz für Satz und achtet dabei (noch) nicht auf den Zusammenhang. Dadurch entstehen sehr viele Fehler in den Bereichen Grammatik, Satzbezug und Terminologie. Gerade Fachterminologie wird zumeist nicht konsistent verwendet und so finden sich in einem Text oft zehn verschiedene Begriffe für das gleiche Objekt. In technischen Branchen führt dies zu grosser Verwirrung und ist daher äusserst unerwünscht. Kreative Texte stellen die maschinelle Übersetzung schliesslich vor ein schier unlösbares Problem, denn es gibt kaum vergleichbare Texte – jeder Text ist anders. Humor, Metaphern oder Ironie werden von der Maschine nicht erkannt, wodurch wenig sinnvolle Textpassagen entstehen. Wird die Maschine aus Versehen mit fehlerhaften zweisprachigen Texten gefüttert, ist es so gut wie unmöglich, die Fehler wieder zu beseitigen. Die Maschine funktioniert nämlich wie eine Blackbox.

Inwiefern verändert die Digitalisierung den Übersetzerberuf?

Schliesslich stellt sich auch noch die Frage, inwiefern der Übersetzerberuf durch diese Maschinenleistung verändert wird. Werden wir in Zukunft nie mehr einen Text von Anfang an übersetzen? Die maschinelle Übersetzung ist zu weit fortgeschritten, als dass wir ihre Existenz leugnen könnten. Allerdings ist sie noch lange nicht so gut, dass wir Übersetzer schon morgen auf der Strasse stünden. Einzig unser Berufsfeld wird sich stark verändern. Schon heute sind Pre- und Post-Editing Themen jeder Übersetzerausbildung. Sie stehen für die Vor- oder Nachbearbeitung einer maschinellen Übersetzung. Diese Bearbeitungsformen sind angesichts der noch mangelnden Qualität der maschinellen Übersetzungen heute wie auch in Zukunft stark notwendig. Dadurch wird der heutige Übersetzer schleichend zum Post- und Pre-Editor. Durch die maschinelle Übersetzung wird zwar meiner Meinung nach die Effizienz gesteigert, aber es geht auch sehr viel verloren, was den Übersetzerberuf so einzigartig macht. Die Arbeit eines Übersetzers wird durch maschinelle Übersetzung eintöniger, denn er muss nur noch beurteilen, ob die Übersetzung so korrekt ist oder ob er eine Korrektur anbringt. Das selbstständige kreative Produzieren von Text und Gedanken geht leider komplett verloren. Einige finden das gut – andere weniger. Ich zähle mich definitiv zu letzteren.